Alles Porno
Kolumne 12/Veröffentl. in Neue Luzerner Zeitung am 09.06.08Auf der Suche nach Identifikation und Orientierung, waten wir durch die Feuchtgebiete unseres Zeitgeistes. Während die Alt-Feministinnen den Pornoboom bekämpfen, schreiben die jungen pornografische Bücher. Was für eine merkwürdige Zeit, wo mich die Artikel im „Playboy“ oft mehr interessieren, als die Themen der Frauenzeitschriften. Wäre allerdings die „Emma“ erhältlich gewesen, hätte ich die neben dem Männermagazin auch noch gekauft. Was an der Kasse ein sensationelles, aber sehr treffendes Bild abgegeben hätte. Eine Frauengeneration zwischen den Stühlen der Extreme.
So sind wir halt, die Ausgeburt unserer politisch aktiven Vorgängerinnen. Doch mit erhobener Zeigefinger -Mentalität, kann man die antipolitisch, kapitalistische Junggeneration nicht beeindrucken. Und überhaupt, gerade haben wir die BH’s verbrannt, jetzt sollen wir sie wieder anziehen? Da blickt doch keine mehr durch. Zudem haben die meisten Frauen noch nie einen Porno gesehen und können sich deshalb auch nicht mit Frau Schwarzer’s PorNo!- Kampagne identifizieren, in der sie gegen die menschenunwürdige Behandlung von Frauen in Pornofilmen vorgeht. Frauen wollen nicht gedemütigt, erniedrigt oder womöglich noch Opfer von Gewalt sein. Da sind wir uns alle einig. Aber anscheinend lässt sich nicht alles über einen Kammshot scheren. Die jungen Frauen, die ihre selbst gedrehten Filme in diverse Internetportale stellen, sehen sich nicht als Opfer. Im Gegenteil. Sie verspüren Macht und Selbstbestätigung, wenn sie von Männern begehrt werden. Das Mittel zum Zweck ist extrem, weil alles extremer geworden ist. Auch das von den Medien erzeugte Idealbild der Frau, dem wir mit Laptop und Kinderwagen hinter herstöckeln.
Das hinterlässt ein verzerrtes Bild der Realität, und verlangt nach einem neuen Bewusstsein. Finden wir es im Bücherregal? Kritiker bezeichnen den Roman „Feuchtgebiete“, von Charlotte Roch als provokant. Also ich finde die Frauenzeitschriften provokanter, die mir unter dem Deckmantel des neuen Feminismus verkaufen wollen, dass ich mich hauptsächlich für Diäten, Flirttips und Klamotten zu interessieren habe. Trotzdem hat Roche etwas erreicht, was vor ihr wohl noch keine erreicht hat: Männer lesen gierig die Worte einer Feministin. Bingo! Und jetzt wo das schleimige Ding in aller Munde ist, sollten wir gleich dahin gehen wo es wirklich weh tut: Zu den Mädchenbeschneidungen, der häuslichen Gewalt, der Zwangsprostitution, zu den ungleichen Löhnen, den nicht gebauten Kinderkrippen und nicht flexiblen Arbeitszeiten, um nur einige Dinge zu nennen. Die Pornosteuer wäre doch eine potente Idee. Aber natürlich, muss das Geld zur Verbesserung der Frauensituation verwendet werden. Die Frau ist schließlich die Hauptfigur in der Pornoindustrie. Warum sollten hauptsächlich die Männer davon profitieren, die immerhin 80% der Konsumenten ausmachen? Bei einem jährlichen Umsatz der Industrie von rund $ 97 Billionen weltweit, käme da ein ganz schönes Sümmchen zusammen. Das würde sogar noch reichen, um die Softwareentwicklung anzukurbeln, damit wir unsere Kinder vor Pornographie im Internet und Handy endlich ausreichend schützen können.











